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Wind in den Segeln der Seele

In der westlichen Tradition hat das Wort "Meditation"  eine ganze Reihe verschiedener Bedeutungen erhalten. Die "Meditatio" der Wüstenväter bezeichnet einfach ein aus dem Herzen kommendes Gebet, eine Art "Wiederkäuer" oder Wiederholen der Worte. Im 17. Jahrhundert wurde mit Meditation inzwischen fast ausschließlich eine genau festgelegte Form des mentalen Gebets bezeichnet, bei der es  vor allem um intellektuelles Nachdenken und bildhaftes Vorstellen ging. Im Osten gibt es ebenfalls viele verschiedene Meditationsformen, bei denen es sich aber hauptsächlich um nicht-diskursive, stille Praktiken handelt. Ich gebrauche das Wort „Meditation" hier im nicht-diskursiven Sinne, in etwa vergleichbar mit Kontemplation. Man könnte sagen, dass Meditation die Arbeit ist, die wir verrichten, um das Geschenk der Kontemplation zu empfangen, das uns bereits gegeben wurde und im Herzen präsent ist.

 

Sowohl in westlichen als auch in östlichen Traditionen wird Meditation (oder Kontemplation) als unverzichtbare innere Arbeit betrachtet, als kontinuierliche Disziplin auf der Pilgerreise des spirituellen Wachstums. In gewissem Sinne ist sie Weg und Ziel in einem. Meditation versöhnt die Gegensätze und Widersprüche, die sich durch das gesamte Spektrum der menschlichen Existenz ziehen und der Ganzheit im Wege stehen. Gebet ist die tiefgründigste, die primäre Therapie für das menschliche Leiden. Deshalb ist Meditation („reines Gebet") keine elitäre Praxis für spirituell Fortgeschrittene. Sie ist ein natürlicher Weg des Wachstums, nicht nur der Terminus ad quem, sondern der Terminus a quo. Meditation ist auch nicht jene narzisstische „Raus-aus-dem-ganzen-Schlammassel"- Wohlfühltechnik, die gestressten, hyperaktiven Pendler der westlichen (und zunehmend der asiatischen) Welt auf trendigen Werbepostern angeboten wird.  Die spirituelle Reise setzt das Bedürfnis und den Wunsch zu meditieren voraus. Es ist eine universelle Praxis, obwohl jedes Individuum, wie jede spirituelle Tradition, sie auf seine eigene Weise handhabt. Meditation ist keine Freizeitbeschäftigung - auch wenn sie Zeit erfordert und Entspannung voraussetzt. Aus spiritueller Sicht entspannt man sich, um zu meditieren und meditiert nicht, um zu entspannen. Man kann ohne Meditation leben. Aber sie ist der Wind im Segel der Seele, eine Tätigkeit, die die normalerweise disharmonischen Anteile unseres Bewusstseins harmonisiert. Alle Traditionen stimmen darin überein, dass ihre Früchte ihrem jeweiligen Gegenteil vorzuziehen sind. Man muss diese nicht rechtfertigen oder umständlich erläutern: Mitgefühl und Weisheit, Großzügigkeit und Toleranz, die Bereitschaft zur Vergebung, Freundlichkeit, Sanftheit, Frieden, Freude und Kreativität. Mit anderen Worten: Glück und schlichte, grundlegende menschliche Güte.


Laurence Freeman, Jesus - der Lehrer in dir S. 302 ff J.Kamphausen

 


 


 

 

 

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